Die 25 besten Alben des Jahres 2020

Die Platten des Jahres kommen von John Dwyer.

Platz 25: L.A. Witch – Play With Fire (Suicide Squeeze)

Das Trio aus Kalifornien, bekannt für ihren staubigen und hypnotisierenden Psych Rock, hat für die zweite Platte einen anderen Ansatz gewählt. War das Debüt noch eine Sammlung aller bisher dagewesenen Songs, zog man sich zu „Play With Fire“ zu intensiven Sessions zurück. Das Ergebnis überzeugt vollkommen, ist mehr aus einem Guss, kommt klarer auf dem Punkt. Dabei erlauben sich L.A. Witch mehr Einflüsse, deuten Pop an, haben sich mit Post Punk beschäftigt. Klingt ein wenig anders, aber doch noch so wundervoll, wie man es gewöhnt ist.

Platz 24: Modulator II – Slivered Hearse (Stolen Body)

Da gab es mal Dusty Mush, die eine tolle Garage Psych-Platte eingespielt hatten. Oder gibt es sie noch immer? Jedenfalls ist Modulator II ein neues Projekt von Cédric Bottacchi und Romain Duplessier, das nun das Debütalbum vorlegte. Es ist nicht gar so catchy garageig, wie Dusty Mush, dafür genauso psychig abgedreht. Wuchtiger Fuzz trifft auf Fließendes, Proggiges auf Straightes. Eine Platte, die nicht wahnsinnig viel Abwechslung bietet, dafür von vorne bis hinten saugeil rockt.

Platz 23: RMFTM – The Bestial Light (Fuzz Club)

Mit ihrer „Subversive“-Trilogie hatten sich die Holländer neue Soundlandschaften eröffnet. Zunehmend ergab man sich elektronischen Unbequemlichkeiten. Mit „The Bestial Light“ geht man zurück auf Los, erweitert die Mannschaft und geht zum behäbigen Noise Rock über. An Intensivität und Detailverliebtheit kaum zu überbieten, dabei immer herausfordernd. Krach der besten Qualität.

Platz 22: Lamps – People With Faces (In The Red)

Die Lamps lieferten Mitte der 2000er bis Anfang der 2010er tolle Noise Punk-Platten ab, das Auge zwinkerte dabei stets. Dann war es ruhig. Mit dem neuen Mitglied Denée Segall machte man sich schlussendlich nach acht Jahren Pause an neues Material. Herausgekommen ist ein furioses Werk, das polternden Garage Rock, aufgekratzten Noise und etwas No Wave im Angebot hat. Sensationell natürlich die Songtitel: „Confirmed Frenchman“, „God Gave Me This Haircut“, etc.

Platz 21: The Men – Mercy (Sacred Bones)

Kontinuität gibt es bei den New Yorkern nur im Lineup, denn „Mercy“ ist das dritte Album in Folge mit derselben Besatzung. Ansonsten machen The Men wie immer, worauf sie gerade Lust haben. Driftender Country Rock, ein Blues-Jam, eine Piano-Ballade, 80ies Rock und harten Garage Punk. Hier klappt alles sehr gut, die verschiedenen Richtungen wirken nicht bemüht. Vielmehr eine intelligente Best of-Platte mit einem gewissen roten Faden.

Platz 20: The Flaming Lips – American Head (Warner / Bella Union)

Die Flaming Lips waren in der Vergangenheit immer wieder für allerlei Merkwürdigkeiten offen. Ein schräges Projekt mit Miley Cyrus, eine begehbare Skulptur, ein essbarer Gummifötus mit einem USB-Stick, usw. Da geriet ihr wunderbarer Psych Pop etwas zur Nebensache. Nicht so auf dem neuesten Werk, das Wayne Coyne & Co. unheimlich fokussiert zeigt. Die Vergangenheit wird verarbeitet, es geht sehr viel Drogen und Leute, die es nicht geschafft haben. Die Melodien sind groß, die Spielfreude wie zu besten Zeiten. Schon die Zusammenarbeit Anfang des Jahres mit Deap Vally als Deap Lips war fantastisch, das war aber nur ein Vorspiel zu diesem meisterlichen Album.

Platz 19: Fuzz – III (In The Red)

Ja, das Albumcover ist nicht das Allerschönste, aber es zeigt gut, worum es auf der neuen Fuzz-Platte geht: Um Ty, Charles und Chad. Keine Spielereien mehr, keine Keyboards oder Streicher, einfacher, purer Rock. Den erstellte man zusammen mit Steve Albini und der schnitt jedes Gramm Fett weg. Die Kalifornier klingen so gut, wie sie es live eben tun. Wuchtiger, kraftvoller Heavy Rock, der ordentlich brummt.

Platz 18: Public Practice – Gentle Grip (Wharf Cat)

Ein unfassbar detailverliebtes Debüt legen die New Yorker vor. Sie vertonen ihre Stadt, als diese noch wild war, sich die Menschen zu Disco-Sounds verloren und in dunklen Gassen schließlich einschliefen. Es ist New Wave, Post Punk und Disco, Public Practice bieten Tanzbares und Nachdenkliches an. Bei all dem Getüftel kommen wunderbar fluffige Beats heraus. Mit „My Head“ landet sogar der Hit des Jahres auf der Platte.

Platz 17: Death Valley Girls – Under the Spell of Joy (Suicide Squeeze)

Auf dem dritten Album entfernt sich die Band aus Kalifornien etwas von ihrem garageigen, hypnotisierenden Psych Rock und präsentiert ihre Version einer Space Gospel Opera. Bedeutet: Choräle, verträumte Passagen, mehr Dramatik. Der leichte Richtungswechsel funktioniert hervorragend. Die klassischen Nummern zwischendurch werden dankend entgegen genommen, aber man will dann doch die Death Valley Girls auf ihrem neuen Feld erleben. Sicherlich ihre stimmigste Arbeit bisher.

Platz 16: Lars Finberg – Tinnitus Tonight (Vapid Moonlighting / Mtn. St. Mtn)

Lars Finberg ist ein altgediehnter Herr der kalifornischen Garage Rock-Szene. The Intelligence fällt da ein, er war aber auch mal bei den Thee Oh Sees, bei den tollen A Frames und bei den noch viel wundervolleren Unnatural Helpers. Mit „Tinnitus Tonight“ legt er seine zweite Soloarbeit vor. Dem Vorgänger fehlte etwas die Leichtigkeit, die das neue Werk definitiv hat. „Satanic Exit“ legt etwa als Elektro-Kracher los und geht in den großartigsten Garage Rock des Jahres über. Mühelos heftet er tolle Melodien an unfassbar Schräges. Ein Album, das einen Profi zeigt, dem aber alles egal ist.

Platz 15: Dragged Up – D/U (self)

Das Mini-LP-Debüt der Band aus Glasgow rumpelt etwas, manchmal ist schief, der Gesang ist auch nicht immer auf den Punkt, aber dennoch haben wir es hier mit einem Kleinod zu tun. Alles selbst abgemischt und in die Welt gebracht, von Profis zwar, aber nicht weniger beachtlich. Musikalisch touchiert man Garage Blues, Noise Punk und Psych Rock, gerne mit Spoken Word hinausgetragen. Ein Erstling, der derart vielversprechend ist.

Platz 14: CCR Headcleaner – Street Riffs (In The Red)

Hin und wieder gibt es ein neues CCR Headcleaner-Album und stets ist es ein Ereignis. Die Kalifornier weben ihren Garage Rock dicht, lassen ihn fuzzy dröhnen, dann in Country abgleiten. Lagerfeuerromantik trifft auf groovenden Stoner. Schleichend geht es zum nächsten Mosh-Part, das alles bei einem unfassbaren satten Sound, der immer noch eckig genug ist, um auch den Punk zufrieden zu stellen.

Platz 13: Frankie and the Witch Fingers – Monsters Eating People Eating Monsters… (Fuzz Club / The Reverberation Appreciation Society)

Das unfassbar gute „ZAM“ im Rücken entschlacken die Kalifornier auf dem Nachfolger wieder etwas. Auch personell musste man einen Abgang verkraften, ist auf ein handliches Line-Up geschrumpft. Zwischen dem ersten und letzten Track merkt man den geschärften Fokus. Der Psych-Prog wird hinten angestellt, klarer, straighter Garage Psych tritt hervor. Die Klammer ist hingegen wieder dem Wahnsinn verfallen. Immer noch einer der aufregendsten Psych-Bands aktuell und beileibe kein schlechtes Album.

Platz 12: Bananagun – The True Story Of Bananagun (Full Time Hobby)

Eine Platte, die einfach nur glücklich macht, nimmt man natürlich immer gerne. Nick van Bakel ist dafür verantwortlich. Zunächst startete der Australier als Solokünstler, ließ sein Projekt schließlich zu einer richtigen Band anwachsen. Gemeinsam spielte man ein wunderbar sonniges Debütalbum ein, das bunte Farben sprudeln lässt. Exotica, Tropical und Sixties Psych werden gespielt und mit schillernd pinker Glasur versehen. Macht einfach soviel Freude.

Platz 11: Magik Markers – 2020 (Drag City)

Genauso unvermittelt, wie die Magik Markers einst weg waren, sind sie nun wieder da. „2020“ ist die erste LP seit sieben Jahren und ein starkes Comeback. Wie immer versucht das Trio alles, scheitert dabei selten. Der Opener „Surf’s Up“ schwört mit zurückhaltenden und eindringlichen Klängen ein. Dann geht es sehr wendig weiter. Noise, Punk, eine Ballade, wuchtiger Garage Rock gibt es, dabei immer recht frisch serviert. Am Puls der Zeit und doch so weit weg, beinahe entrückt. Vielleicht die coolste Platte des Jahres, auch wenn das wohl nur weiße Männer mittleren Alters so empfinden werden.

Platz 10: Protomartyr – Ultimate Success Today (Domino)

Das fünfte Album der Band aus Detroit öffnet etwas Raum. Der Post Punk erhält Gesellschaft vom Jazz. Spezialisten wurden dafür geladen, damit das sich schön organisch in das gnadenlose Protomartyr-Universum einfügt. Düster und zupackend ist die Band weiterhin, genehmigt sich aber auch Hymnisches. Das Duett mit Nandi Rose Plunkett von Half Waif auf „June 21“ gerät eindringlich, ist dabei anschmiegsam. Ein dorniger Weg, an dessen Ende eine prächtige Rosenblüte wartet. Das stärkste Album von Protomartyr? Mit Sicherheit ein sehr gutes.

Platz 9: Pretty Lightning – Jangle Bowls (Fuzz Club)

Wieder geht es in die Südstaaten der USA. Das Duo aus Saarbrücken kehrt mit Sixties Psych und Blues zurück, zeigt sich dabei so souverän wie nie. Das sicherlich beste Album von Pretty Lightning sitzt von der ersten Sekunde an perfekt. Es ist wunderbar tight, dabei sinnvoll gearbeitet und mit absurden Momenten versehen Flirrende Gestalten wiegen sich durch den Sumpf, dann landet ein Ufo. Abgefahren, dabei stets geerdet.

Platz 8: Once & Future Band – Deleted Scenes (Castle Face)

Das zweite Album der Band gestaltet sich nicht weniger proggig als das Debüt, orientiert sich aber etwas mehr am prunkvollen Sixties Psych der „Pet Sounds“-Beach Boys. Dazwischen ist noch genug Platz für Pop. „Freaks“ ist etwa damals bei den Beatles hinter den Heizkörper gerutscht und die Once & Future Band zaubert es nun wieder hervor. Dann große, schwere Gemälde von unendlicher Detailverliebtheit. Dennoch bleibt das kitschfrei und schwerelos. Ein wahres Fest für die Sinne.

Platz 7: The Archaeas – dto. (Goner)

Einfacher, geradliniger Garage Punk, hymnisch, etwas poppig, insgesamt saucool. Bei den Archaeas fühlt man sich schnell an Ty Segall erinnert und tatsächlich starten sie ihre Karriere ebendort, wo es Segall einst getan hatte. Beim kleinen Goner-Label, das eine solide Anlaufstelle für großartigen Garage Rock ist. Als weiteren Einfluss nennt man Guitar Wolf und tatsächlich arbeiten sich die Archaeas ähnlich halsbrecherisch voran. Das ist alles so simpel und so unfassbar gut. Die beste Garage Punk-Platte seit „Melted“.

Platz 6: Vintage Crop – Serve To Serve Again (ANTI FADE / Upset The Rhythm)

Gott, sind die Kleinen groß geworden. Was als zappliger Punk begann ist bei Vintage Crop zu coolem Post Punk geworden, der oft zum Garage Rock abdriftet. Kindlich lustig ist das immer noch, doch musikalisch weitaus durchdachter, als beim 2017er Debüt. Eine großartige Platte, die ihre Songs auf den Punkt bringen, aber auch ewig bei einer Frage verharren kann. Sind alle Spießer oder bin ich es? Bedeutet das überhaupt irgendwas?

Platz 5: Quintron and Miss Pussycat – Goblin Alert (Goner)

Das Duo aus New Orleans ist einer dieser Fälle: Man weiß erst, wie stark man sie vermisst hat, wenn sie wieder da sind. Neun Jahre nach der letzten gemeinsamen LP sind Quintron und Miss Pussycat also erneut in unser Leben getreten. Sie haben einen menschlichen Drummer mit dabei und es ist wirklich erstaunlich, wieviel das aus dem Sound herausholt. Die Sumpf-Disco wirkt noch dunstiger, der Punk noch erdiger. Dazwischen ist gar Zeit für Romantik. Sehr viel Wärme strahlt uns entgegen, wir wollen aber nur zu gerne dazu ausflippen.

Platz 4: SLIFT – Ummon (Stolen Body / Vicious Circle)

Nach einer unfassbaren ersten EP hatten sich SLIFT auf ihrer Debüt-LP „La Planète Inexplorée“ etwas verzettelt. Der Psych doch zu proggig, wenig knackig, eher zäh. Doch mit „Ummon“ zeigen die Franzosen ihr wahres Können. Eine aberwitzige Doppel-LP, die trotz des vielen Raums keine Leere hat. Sie beherrschen nun die Mischung aus groovenden und zerfließenden Parts, können sich verlieren, aber genau so gut straight rocken. Fuzz, Metal und Stoner blitzen auf, sehr zurückhaltend jedoch. Alles aus dem Rock herausgeholt, was geht.

Platz 3: Brigid Dawson & The Mother’s Network – Ballet Of Apes (Castle Face)

Brigid Dawson, seit ewigen Zeiten in der kalifornischen Garage Rock-Szene unterwegs, jetzt mit ihrem ersten Soloalbum. Es ist ein fantastisches Werk geworden, das zart berührt, elegant jammt, bluesig mitreißt. Da sind wenige Songs auf der Platte, allesamt sind sie aber riesengroß. Mit Musikern aus verschiedenen Genres rückt sie die Kompositionen in ihre ganz eigene Welt. Da wird Jazz touchiert und Sixties Psych vereinnahmt. Voll tiefster Glückseligkeit bleiben wir zurück. Ein Album für alle Zeiten.

Platz 2: Hey Colossus – Dances / Curses (Wrong Speed)

Das Kollektiv aus London schwebte in letzter Zeit zu offen Sounds. Für ihren Heavy Rock bekannt, ließ man auch poppige Momente zu. Voll durchgezogen wurde das nun auf dem sehr intensiven und meisterlichen 13. Album. Der Fluss startet gleich zu Beginn und lässt über die gesamte, sehr lange Laufzeit nicht mehr los. Hochdramatisch geht es zu, dabei bekommt man genug Luft zum Atmen. Fühlt sich an, wie eine Folge The Wire. Unfassbar gut konstruiert, perfekt abgestimmt und man möchte, dass sie gar nicht mehr endet.

Platz 1: Osees – Protean Threat/Panther Rotate/Metamorphosed/Weirdo Hairdo // Bent Arcana // Damaged Bug – Bug On Yonkers (alle Castle Face, außer Metamorphosed (Rock Is Hell))

Man kann sich sicher darüber streiten, aber eine herausragende Platte ist von John Dwyer dieses Jahr nicht erschienen. Dafür sehr viele sehr gute. Mit dem Spitzenplatz sei die Leistung des Kaliforniers gewürdigt. Keiner zeigte sich dieses Jahre veröffentlichungsfreudiger, niemand variabler. Da war eine „richtige“ Platte seiner Hauptband Osees, die knackiger agierte, als zuletzt, dabei in einminütige Songs hundert Ideen und Wendungen verpackte. Das Ding wurde dann gleich geremixed. Man hatte zwei EP mit Resten, die bei anderen Bands als Highlights durchgehen können. Dann setzte Dwyer mit seinem Elektro-Projekt Damaged Bug Michael Yonkers ein Denkmal, versammelte wiederum Freunde mit Bent Arcana zu einer Jazz-Session. Nicht nur der schiere Output ist der Wahnsinn, die Qualität stimmt halt auch. Und ja, im Januar geht es gleich mit einem neuen Projekt weiter. Dwyer, ein unermüdlicher Gott.

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